Designcenter Muenchen | Projektzentrum fuer Design an der Fachhochschule Muenchen
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Feuilleton / Interviews / Prof. Thomas Günther

Prof. Thomas A. Guenther | Zeichnen
Fragen von Margit Drescher und Björn Schmidt
{ schmidt@<spamschutz>designcenter-muenchen.de }

Thomas A. Günther, geboren 1962, machte 1987 sein Diplom im Fach Kommunikationsdesign an der Fachhochschule München. Im Anschluss studierte er drei Jahre an der Akademie der Bildenden Künste München. Dann schloss er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf ab. Seit 1997 ist tätig als Zeichner, Maler sowie Kommunikationsdesigner.

SCHRIFTLICHES INTERVIEW
geführt im Februar 2005

Wie definieren Sie Kommunikations-Design?
Um es abzukürzen: „Ein blaues Auge.“ (Thomas Kapielski) Oder doch prosaischer, natürlich auf Kunst bezogen, und auch die zielt immer auf Kommunikation ab, wenn sie welche ist: „Ähnlichkeit geht einher mit Bescheidenheit: diese Arbeit ist eine bescheidene Arbeit, eine Arbeit der fast mystischen Solidarität, es ist die Solidarität selbst, die uns aussucht für diese Arbeit. Wer als Künstler nicht an den anderen denkt, der denkt nicht.“ (Jochen Gerz, „Drinnen vor der Tür“, Reden an Studenten). Für gute Gestalter gilt das genauso.

Welche Bedeutung hat für Sie Design?
Schönere Zahnbürsten, Türgriffe, Beschilderungssysteme, hübsche Schuhe, grelle Plakate, unsichtbare Brillen. Die eiserne Jungfrau, der Satellit, die Farbe und Form der Droge, die in Floskeln zerklüftete Sprache, der Gestank des Parfums. Ein Teller ist immer noch dafür da, Suppe reinzutun. Der Endzweck des Autos der, damit von A nach B zu kommen. manche wollens auf dieser Strecke ganz besonders dekorativ nach aussen haben. Wenn sich’s nicht verkauft ein Produkt, Not am Mann ist, holt man sich dann erst - im schlechtesten Fall - den Designer, die eierlegende Wollmilchsau. Wenn sich’s dann immer noch nicht verkauft, ist der Designer schuld. Heute verkommt Design immer mehr zu einer Gratiszugabe oben drauf, das bringt den Job um seine Faszination. Manchmal wird der Designer dafür bezahlt, weil man schließlich einen Schuldigen braucht. Alle anderen bleiben in ihren Stühlen kleben, gerne die im Hinterhalt, Marketingleute. Man hat auch gelernt, schon im Kindergarten, dass Zahlen immer Recht hätten. Es gibt auch ein Buch „Lügen mit Statistik“. Den Designer kann man ja auswechseln. Herr Böninger zitiert (in „Designsignale aus Bayern, 2004, wo wir übrigens als Ausbildungsstätte nicht mal erwähnt sind) Giorgio Armani: „Der Designer ist nichts anderes als ein Dienstleister, der seine guten Entwürfe zu machen hat - den Rest besorgen wir als Geschäftsleute.“ Die Vokabeln „Dienstleister“ und „besorgen“ bekommen hier wieder den Beigeschmack des ältesten Gewerbes. Man darf für Geld nicht alles machen. Ein Stück Seele ist immer dabei, die bei der Rechnungsstellung mit rüberwandert. Und Design ist auch Klebstoff, interessant, weil es alles zusammenhält, aber letztlich nicht wichtig für die, die meinen, wenn man mit Augen auf die Welt kommt, sei man schon blickkompetent, ein Leben lang, erst recht dann, wenn man der ist, der zahlt. Der Designer muss zeitlebens kämpfen und sich die Freude an der Arbeit nicht versauen lassen. Dafür braucht er/sie viel Kraft ... Ansonsten ist das Leben: Tag, Nacht, Sonne, Mond, Blume, Wiese, Wald, Wasser, Regen, See, Meer, Feuer, Haus, Hund, Auge, Stimme, Hand, Liebe, Zeit. Diese Dinge, waren alle schon „designed“, bevor wir dazukamen.

Warum wurden Sie Designer?
Mein Vater war Grafiker und war zunächst Student auf der Dresdner Kunstakademie. Knochenzeichnen bedeutete das, und sie haben dort selber an Leichen rumgeschnippelt. Dann bekam er die Knarre in die Hand gesteckt und ab damit nach Russland (wer zuerst schießt, überlebt’s vielleicht)... anschließend 5 Jahre Lager als Zuckerl dafür. Er hat mir als Baby schon den Stift in die Faust gedrückt. Ich bezweifle, dass das die richtige Methode war.
Jetzt: Weil man (fast) jeden Tag was anderes machen kann. Viel Grund zum Ärgern, aber viel Grund zur Freude hat. Weil man wenig Chancen hat, einzuschlafen, immer neugierig herumgucken muss, in sich horchen sollte, was anliegt und Begeisterung organisieren und bündeln lernen sollte. Und weil man, um Formen und Dinge zu entdecken, nicht zwölf Sprachen sprechen muss. Und weil mich manchmal schwierige Kunden auf einmal schätzen lernen, weil die Leistung gut ist und sie ihr Befremden manchen unkonventionellen Dingen gegenüber (die jeder Gestalter hat), verlieren. Und ich vor Leuten, von denen ich einmal annahm, sie hätten „Geschmack“, keine Achtung erwerben konnte, da sie sich als Hirnamputierte outeten, die schlimmsten Kunden sind die mit »Geschmack«. Nichts billiger, als sich mit optisch halbscharig hingefummelten schicken Endlösungen zu umgeben, die zwei Monate „gut aussehen“, dann ab auf die Kippe damit. Übrigens: Designer wird man nicht, indem man es sich vornimmt. Ins Design sollten viel mehr Quereinsteiger kommen, das täte allen gut.

Warum unterrichten Sie jetzt?
Weil ich Geld verdienen will mit etwas, das mehr Sinn macht als Design alleine. Denn Design alleine ist hübsch, aber so wie dauerhaft Zuckerwatteessen.

Wie würden Sie Ihren Beruf selbst bezeichnen?
Als Künstler: Autor von Bildern. Als Designer: Autor von Bildern, als Dienstleister. Als Lehrender: Hebamme, nicht Autor von Persönlichkeiten. Ernst Bloch sagt: „Wir sind, aber wir haben uns noch nicht.“ Dabei weiterzuhelfen, das meine ich mit »Hebamme«. Wenn kein Talent da ist, gibt’s auch keins zu erzeugen, da kann der oder die Lehrende supertoll sein. Was wir können ist, bei Richtungsfindungen zur Seite stehen und den Leuten vermitteln, daß sie sich nicht verunsichern lassen sollen mit ihren Babytalenten, wenn es an der Tagesordnung wäre, etwas Widerstand aufkeimen zu lassen gegen diverseste Angriffe der Supertaubblinden.

Sind Sie neben Ihrer Lehrtätigkeit noch künstlerisch aktiv?
Im Moment - dieser Moment dauert, seit ich an der Hochschule bin, an - kaum Zeit dazu, so ist es. Aber ich lebe noch, und platze aber bald. Ich zähle mich aber nicht zu den Simulanten und Hypochondern. Normalerweise wäre es so - sehr schön - Joseph Beuys: »Ich kenne kein weekend.« Beuys, dieser grandiose Mensch, hatte die Lehrtätigkeit als künstlerische Aktivität ausgeübt. Ich hoffe, ich komme wieder bald dazu, in dem Maße zu arbeiten, daß es selbstverständlich ist.

Welche Ziele haben Sie im Bezug auf Design und Gestaltung?
Ziel gibt’s nur eins: Das Tor. Da kann man gerade schießen oder verzogen. Design trifft etwas vom Leben, so das »Ziel«: Nur dort damit zu tun zu haben, wo es Sinn für mich und andere macht. Langsamkeit, Behutsamkeit, Nachhaltigkeit, Konzentriertheit sind Ziele, klingen nur nicht so schnell, nix zum Tüteaufreissen und rauslassen. Die »Modernität des Dauerhaften« (Lampugnani) ist mir lieb wie viele viele andere wesentliche Dinge auch. Design als Lebensinhalt, das ist wie wenn man zuviel zu essen hat, aber keine Luft mehr zum atmen oder vice versa (»Zuckerwatte«). Gestaltung betrifft das ganze Leben, so das »Ziel«: Meines möchte ich möglichst lang und glücklich leben, mit viel Zeit für mich und die Menschen, die ich liebe. Und darin gibt es viel zu gestalten. Wenig - am besten nie Rache ausüben. Wenig -am besten nie hassen. Auch wenn sich in diesem Interview einige Bosheiten von mir finden lassen. Aber ich belle ja nur zurück. Ehrlich bleiben.

Wie möchten Sie die Entwicklung von Design und Gestaltung beeinflussen?
Durch meine Großartigkeit und die finale Grandezza meiner Person werde ich die Welt aller Erscheinungen grundlegend zum Schönen, Reichen und Guten auf immer verändern. Nein, nein, ja, ja. Die werden mich nicht fragen, die Götter und Teufel. Jedenfalls nicht, indem ich Medaillen an meine Bürowand nagle und einen »Ruf« erwerbe. Das Bellen des Köters verzieht sich schnell, nicht? Das Geiz-ist-geil-Gefühl will auch nicht mein Gefühl sein. Aufs »Prof.« auf meinem Grabstein werde ich wohl verzichten können. Die Designpreise für tolle Typo auf Joghurtbecherdeckeln sollen sie denen geben, die sich’s echt verdient haben und diese Auszeichnungen auch bezahlen können. »Entwicklung«? Wissen, dass nichts ohne Design funktioniert. Und damit zu leben, weil man Design zum wesentlichen Leben ja gar nicht braucht. Das Design des Computertomographen verscheucht keine Metastasen. Alles, was wichtig ist im Leben, ist umsonst, heißt es. Lesen Sie ein bisschen Thoreau und warum er gescheitert ist, ein bisschen John Cage, Morton Feldman. Robert Lax. Antonio Porchia. Und den Fragebogen von Max Frisch. Lassen Sie Neil Young’s Gitarrenrückkopplung  zu Jim Jarmusch’s Film „Dead Man“ möglichst tief in sich hineinstürzen, dann wird alles besser. Und noch schwieriger. Ich möchte den jungen Designern, an deren Ausbildung ich beteiligt bin - wenn ich merke, da ist die Saat schon vorhanden - ihren zierlichen Kanon an Werten und Kritik und philosophischen Fragen als erhaltenswertes Gut erkennbar machen. Als etwas, dass sie sich niemals wegklauen lassen dürfen. Wenn ich das bei ein paar Leuten schaffe, bin ich in dieser Hinsicht glücklich.

Haben Sie Vorbilder (im Bereich Design und außerhalb)?
Gibt es ein »außerhalb« von Design? Ist Design denn »innen drin«? Natürlich, auch ich brauche Vorbilder, ohne die wäre jeder doch schon tot. Als vaterloser Mensch erst recht. Als mit Begabung auf die Welt gekommen, dran rumgebastelt und alleine damit dagestanden, erst recht. Das ist schwer. Ohne Rumschauen, wer das beackert, was einen selbst ausmacht, geht gar nichts. Vorbilder? Ich bin ständig ungewollt am Rumschauen. Uneitle Leute, die aus humaner Gesinnung für etwas Sauberes eintreten, ohne andere dafür auszubeuten, die bewundere ich. Die leiseren Leute. Ein Georg Elser, der den Balken unter Hitler für’s Bömbchen angesägt hat, hätte in derselben Zeit auch einen Stuhl schreinern können. Die Zeit war leider gegen die echten Helden. Die grössten Designer sind eigentlich die, die keiner kennt. Ingenieuere, Tüftler, Erfinder. Wo der Beginn eines »Designs« einfach ein »Problem« war. Meine Lieblingsdinge: Wer hat denn das Fahrrad erfunden? Wer hat denn den Semmelknödel erfunden? In Paris befindet sich im Museum Arts et Métiers ein (mobiler) Würstelkocher, ich glaube aus dem vorletzten Jahrhundert. Ein grosser Kupferschirm (wie ein Sonnenschirm), der die Sonnenwärme einfängt und den Topf heiss macht, bis die Würstel kochen. Genial. Lange vor irgendwelchen Solarzellen. Wieso fahren Autos immer noch nicht mit Wasserstoff, wo das doch seit langem möglich wäre? Warum kann man nicht ein unkaputtbares „Titan“-Grundmodell an Gefährt designen, ein Innenleben, das nicht kaputtgeht und kann sich immer neue hübsche Karosserien drüberkaufen alle paar Jahre? Wieso schlafen die alle? Und Peter Zumthor ist ein wunderbarer Architekt, sein Expo-Pavillon in Hannover war gigantisch, das Bad in Vals ist ein absoluter Traum, das Kunsthaus Bregenz ist das Museum der Zukunft, ein Betoncontainer, in dem alles stattfinden kann. Meinen Schneewittchensarg von Dieter Rams mag ich auch sehr. Der LC zwo bleibt immer noch der schönste Sessel, und auch das Ei des Jacobsen. Und der wunderbare Klapptisch von den Seefelder Möbelwerkstätten, wer sowas erfindet, ist unverzichtbar.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Nicht vorm Fernseher, nicht in der Shoppingmeile, nicht im Internet und nicht im Fitnessstudio. Ständig gibt es eben Leute, zu denen ich aufschauen kann, das ist wunderschön. Es gibt so schöne Studentenarbeiten, die mich als Pessimisten von meinem Pessimismus abzubringen vermögen, dafür bin ich diesen Menschen sehr dankbar. Kritisches Potential wächst nach, Wahnsinn. Hat’s doch was in den Genen geholfen, das ist bitter und wunderbar. Manchmal kann man sich - trotz Bildungsbeschneidungsirrsinn - wirklich zurücklehnen und denken, die Welt könnte besser werden, es wäre alles vorhanden. Nicht aufgeben.

Was ist Ihre persönliche Motivation für den Beruf als Designer?
Geld. Wer was anderes sagt, lügt. »Ich sehe nicht, warum Geld nicht stinken sollte, wo es doch alles kann,« sagen manche. Siehe obige Antworten. Ich bin Zeichner, da gibt es noch andere Gründe, wenn man »Zeichner« »Designer« nennen kann, das geht zweck-ungerichtet gar nicht. Das wäre ein eigenes, endloses Thema, »Zeichner«. So, als hätte man eine Art Behinderung oder Sondermacke. Wenn man Sachen herstellt, die man in Schubladen bewahren muss, weil das Licht sie sonst kaputtscheinen würde, das Papier zerbröselte, sind das nicht grad die Marktschreier im Kunstbetrieb, wo alles ins Tageslicht plärrt. Will man berühmt werden, sollte von Zeichnerei abgeraten werden. Will man Geld verdienen, sollte von Zeichnerei, mit der man etwas ausdrücken möchte, abgeraten werden. Ich weiß zumindest, was ich tue. Ich gebe hier nicht diese Art von Antwort, Traum des Werbers, die siebenhunderteinundfünfzigste: »Einmal ein Großplakat in ganz Deutschland einschlagen lassen.« Dieser Wunsch war nie Teilbestandteil eines meiner Orgasmen.

Was ist Ihre Motivation als Dozent?
Der alte schöne DB-Slogan, den es nicht mehr gibt, in den so schönen alten Abteilen, die es nicht mehr gibt, mit dem Foto des fahrenden Nachtzuges und dem Text: »Alle schlafen, einer fährt.«, funktioniert in keinem »kreativen« Studium. Meine Motivation ist unter anderem und wird es immer bleiben: Ich habe bei weltberühmten Profs studiert und die waren schon damals: alte Leute. Die waren schick aus anderen Gründen als dem bloßen Jungsein, nur Gut-im-Geschäft-sein. Die mussten ihr Leben lang ihr Gesicht hinhalten, während existentieller Krisen durchhalten, an sich glauben, zu ihrem Werk stehen, zu allem, was öffentlich geworden ist, immer wieder Neues anfangen, ewig neugierig bleiben, kommunikativ bleiben usw. Ich habe höchste Hochachtung vor ihnen. Die Werber haben’s natürlich besser, die Arbeit muss gestern fertig sein, damit sie heute im Eimer landet, da kann man sich schon Fehler leisten, die Peinlichkeit dauert nicht lange, der Quatsch ist schnell vergessen, das Zeug schnell recycled. Goethe meinte, ab dem dreißigsten Lebensjahr ist jeder für sein Gesicht selbst verantwortlich.

Haben Sie sich Ihren Beruf als Designer so vorgestellt wie er ist?
Jein. Genausowenig wie man den Studenten prophezeihen kann, wo sie wie landen, wie sie wo landen.

Entspricht Ihr Beruf als Dozent Ihren Vorstellungen?
Was ich im Job nun können muss, stand nicht in der Stellenanzeige, das steht da nie drin. Alle zwei Semester ca. 35 neue Augenpaare (ab Oktober dann dreimal so viel), die einen mustern und irgendwie von einem erwarten, dass man ganz genau weiß, was man dieser Welt entgegenzusetzen hat und wie, man sei ja schließlich Professor. Wenn dann zum eigenen Konzept die zur Stärke geronnene Zweifelseigenschaftserhaltung ist, wird’s schwierig. Ich hatte nur eine Ahnung davon: Dass mir dazu was einfallen muss - zu unreflektierten Fragen, multiplen Blickwinkeln, vermischten Verunsicherungen. Nun: Meine Vorstellungen entsprechen Gott sei Dank dem Job. Ehrlich, es macht Spaß, obwohl im Moment sehr viele große Steine im Weg liegen, und ich, so wenige wie wir gerade (noch) sind, nicht weiß, wie wir das alles - möglichst schnell - schaffen sollen (dringend neue Studienordnung/Curriculum, Zusammenwachsen von KD-FD-ID, Bachelor-/Masterabschlüsse, der anstehende Umzug, fehlende Kollegen, Geld- und Mittelknappheit usw.).

Wie wird sich in Ihren Augen unser Beruf verändern?
Erst mal verändert der Beruf mein (unser) Auge. Was ich befürchte, wird wahr. Wir werden in der Ausübung herunterkommen vom Spezialistentum, weil wir den Generalüberblick in und auf die Gesellschaft brauchen. Zweitens werden wir in Gemeinschaften arbeiten müssen, weil keiner mehr den Generalüberblick in und auf die Gesellschaft haben wird. Wir werden gezwungen sein, toleranter miteinander zu kommunizieren, und ich hoffe, dass Designer sich zunehmend positiv einmischen können. Nicolas Bourriaud (Zitat aus »Parkett« Nr. 71, ‘04): »Manuel Castell’s Essay, ›Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft‹, beschreibt die Entstehung einer horizontalen Welt, in welcher die Kommunikationsflüsse und der technologische Fortschritt die alten Hierarchien zum Einsturz bringen. Die unglaubliche Entwicklung des Internet, aber auch ein Bedürfnis nach Verbindungen und Kontakten, die in der Industriegesellschaft zerstört wurden oder zu kurz kamen, bringen die Künstler dazu, ein neues Feld zu erforschen: das Zwischenmenschliche. Auf die Konsumgesellschaft folgt die Kommunikationsgesellschaft: Erstere brachte die Pop-Art hervor, Letztere eine relationale Kunst, die bei den menschlichen Beziehungen einhakt. Die Künstler denken sich also Gemeinschaftsmodelle oder Kommunikationsformen aus und zeichnen mehr oder weniger immateriell auf den Flüssen, die uns miteinander verbinden. Ein weiteres Symptom der relationalen Ästhetik ist, dass die Künstlerinnen und Künstler dieser neuen Generation zu zweit oder in Gruppen arbeiten und ihre Werke in Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten oder Außenstehenden realisieren; das Gespräch wird zu einer künstlerischen Form«. Dem gibt’s nichts hinzuzufügen. Trotzdem muss man sich das Denken, warum die Welt so ist wie sie ist, immer leisten können. Wenn man’s nicht tut, lebt man nicht.

Seit wann unterrichten Sie?
Seit dem Wintersemester ‘03/’04.

Was waren Ihre Beweggründe, an die FH München zu gehen?
Ich war schon in München und hatte mein Büro dort. Diese Stelle, wie ich sie nun habe, gibt’s in München nur genau ein einziges Mal. Viele wollen das machen. Jeder Akadamieabsolvent hat mal Popos abgezeichnet. Hunderte meinen dann, das reicht für Zeichnen im Designkontext aus und da verdiene man viel Geld. Und ich bin da nicht einfach hingegangen, sondern wurde angenommen, nach etlicher Unterlagenbeschaffung zur Bewerbung. Ich dachte mir, kann nix schaden, alle meine Sachen zu ordnen und ob die mich nehmen, ist sowieso ziemlich unsicher. Ich habe natürlich einen Hintergrund als Kommunikationsdesigner, weil ich in diesem Beruf tätig bin, gleichzeitig arbeite ich an meinen »freien« Arbeiten, das ist ein ziemlicher Spagat manches Mal. Für Kunden muss man sich in sie hineindenken, persönlich sein und dann kalt sein - was brauchen die eigentlich wirklich? Bei seiner eigenen künstlerischen Arbeit denkt man im Gegenteil hauptsächlich an sich selbst. Das Ganze ist ein ziemliches Hin- und Herswitchen, das anstrengt. Aber ich habe viel gelernt dabei. Dann war ich, Jahre später, in der Bewerbung auf der Liste der Leute, die in Frage kommen, dann mussten etliche Herrschaften darüber befinden, ob ich denn der richtige wäre. Ich konnte mir von Anfang an vorstellen, diesen Job zu machen, weil ich immer dachte, ich weiß, wie es den Studenten geht und will es besser machen als ich’s manches Mal hatte als Student, der auf drei verschiedenen Hochschulen studiert hat. Wie lange man das machen kann, weiß ich nicht, es ist anstrengend. Bei all den Querelen, die wir grade durchzufechten haben mit Selbstbehauptung im Sparwahn. Und wenn man dann »Beamter« wird, ist das komisch für einen »Künstler« und einen »nie Angestellten«, »Fest-freien«, den immerwährenden Freiberufler und Selbständigen.

Was glauben Sie, befähigt Sie im besonderen Maße Studenten zu unterrichten?
Weil ich glaube, einiges zu wissen und Sachen einordnen kann. Ich möchte unterstützen, positiv. Eine Sache, von der ich noch nicht weiß, ob sie richtig ist, ich vermute es einfach: Ich habe in diversen Klassen, auch in meiner eigenen Ausbildung Professoren erlebt, die Studenten so auseinander genommen und zeitweise ausdauernd zerstört haben, dass diese Monate lang nicht mehr arbeitsfähig waren. Wenn ich nun am Horizont ähnliche pädagogisch wertvolle »Unterrichtskonzepte« rieche, die mit Profilneurosen, Fremdenlegion, Selbstbeweihräucherung, Schwanzvergleich und Ähnlichem zu tun haben, steigt Wut auf. Darwinistische und nazistische Schlammschlachtsimulationen finde ich generell widerlich, gerade in unserm Fach. Wir tun so sensibel, spationieren Kapitälchen - ach wie süß - benehmen uns aber wie Blockwarte. Selbst wenn die Unbedarfteren mich für einen Softie halten - ich weiß, was ich tue, indem ich immer das Gelungene suche, das Hingekriegte im Blatt und im Kopf, ich weiß, ich finde es, es ist bei jedem/jeder da und ich weiß, warum ich’s tue. Das »befähigt« mich, basta. Ich will es besser machen und ich werde es mehr oder weniger gut hinkriegen. Ich könnte es mir auch wesentlich leichter machen, ein Rezept austeilen, aus allen Zutaten den Teig machen und den dann durch dieselbe Form quetschen. So versuche ich, jeden zu nehmen wie er/sie ist und was er/sie am besten kann. Ich hoffe, ich liege möglichst oft richtig.

Arbeiten Sie gerne mit Studenten?
Ja. Mit denen, die interessiert sind. Ich habe auch Verantwortung wie die Studenten selber gegenüber ihrer Begabung.
Nein. Mit Leuten, die noch auf den Erlöser und die Flasche warten. Um die muss man eher Angst haben. Hier muss ich mich abgrenzen.

Unterrichten Sie gerne?
Ja. Weil ich glaube, dass ich was mitzuteilen habe.
Nein. Weil es schwierig ist, mit »sagen« was zu zeigen - ohne Selbständigkeit und Einsatz der Studenten werden sie nichts lernen. Erst recht nicht in einem schöpferischen Studiengang. Mit Pennern ist sehr schwer zu arbeiten. Die Jahre werden vorübergehen und manche werden meinen, der Lehrende ist schuld, wenn kein Goldnugget geschürvt wurde. Wenn sie sich die Narben nur in der freien Wirtschaft holen, ist der Heilungsprozess ein anderer, sozusagen geborgt. Verheilen ist was anderes aus Ausheilen. Die Studenten müssen immer in Vorleistung gehen, immer so viel wie’s geht, arbeiten und fleißig sein. Wenn auf dem Tisch nichts liegt, existiert auch kein Unterricht. Aber viele müssen nebenbei auch Geld verdienen, jobben, für Material und Leben, Studiengebühren stehen an, es wird schwierig. Es wäre bitter, müsste man sich das Studium wirklich »leisten« können...

Welche Vorraussetzungen sollten Design-Studenten für das Studium mitbringen?
Neugierigsein trainiert zu haben im Bezug auf Form in allen Bereichen und eine Leidenschaft zu haben für das, warum es »da draußen« so aussieht wie es da jetzt aussieht, akustische und sonstige Signale miteinbezogen. Kultur ist Popkultur, ganztägig, ganznächtig. Zeichnen muss man nicht unbedingt können. Am besten wäre es, wenn die/der Bewerber schon etwas erfahren hätte: Lehre, Zivildienst, Job, zweiter Bildungsweg etc. Ich finde es sehr gut, wenn jemand nach »Irrwegen« (die sich im nachhinein als prägend erkennen lassen) für Design entscheidet. Entschuldigung: Wir wollen keine lebensfremden höheren Töchter, die als süsse Layoutmäuschen mit Heiratserwartung den Agenturchefs entgegenlächeln. Entschuldigung, ich bin keineswegs frauenfeindlich, ich möchte nur, dass sich der Mensch an sich ernst nimmt in dem, was er/sie tut (womit er/sie sein/ihr Leben verbringt!). Wir arbeiten auch im Studium schon an Lebensentwürfen, an Haltungen, bitte...

Was sind die häufigsten Fehleinschätzungen der Studienanfänger?
Kreativsein käme von Coolsein, richtige Marken tragen, abgelesen-überschlau brabbeln, sich’s-überall-abgucken trotz Babyspeck zwischen den Fingern und nix gesehen, geschweige denn kapiert zu haben. Ohne Arbeit lief aber noch nie was. Einen siebzehnjährigen fragte ich mal in der Studienberatung, ob er schon mal in einem Kunstmuseum war: »Ja, einmal,« anwortete er freundlich-halbstolz. Good night, darling. Next time.

Haben Sie irgendwelche Empfehlungen an die Studenten (vor, während und nach dem Studium)?
Studium = Leben. Vor dem Studium, während des Studiums, nach dem Studium gilt: Das weiß eigentlich jedes Kind, aber die wirtschaftliche Lage mit ihrem einzigen Konzept »Schnelllebigkeit« vermiest jungen Leuten die Errungenschaft des Zweifelns ... »Ohne Autonomie im Denken und ohne Mut im Handeln gibt es keine kreativen Leistungen ...wer seine Kreativität optimal entwickeln möchte, muss im Prinzip alles(!) kritisch in Frage stellen können. Und wenn dabei irgendeine vorgefasste, modische oder ideologische Lehrmeinung im Wege steht, muss diese weggeräumt werden.« (Gottlieb Guntern, »Kreativitätsförderung«) Und später bitte die Literaturliste lesen... (Ich versuche, Bücher auszusuchen, von denen ich das Gefühl habe, sie sind nicht nur über das Fach, sondern haben mit unserem Leben zu tun).

Bilden Sie sich weiter, wo und wie?
Das Glück liegt manchmal auf der Straße. Augen und Ohren aufhalten.
Picasso: »Ich suche nicht. Ich finde.«
Meine Wenigkeit: »Ich suche schon. Ich finde auch. Dann, ich suche weiter.«

Wie würden Sie Ihr Unterrichtskonzept beschreiben?
Nach Hause bringen, weil es draußen so voll ist von Außenwelt.

Wo liegen Ihre inhaltlichen Schwerpunkte, die sie vermitteln wollen?
Nach Hause bringen, weil es draußen so voll ist von Außenwelt. Sensibilisierung, in Flecken und Wolken Welten entdecken können, Verlerntes wieder finden, loslassen können, improvisieren können, einzelne Teile kombinieren können usw.

Wo wollen Sie Ihre Studenten hinbringen?
Nach Hause bringen, weil es draußen so voll ist von Außenwelt. Wer nicht weiß, wie er heisst und was seine ganz eigene Stärke ist, wird untergehen im Gemisch der von der Dauerkrise ausgelösten Unsicherheit und Ängstlichkeit, dem Auf-Nummer-Sicher-gehn der Unternehmen, dem falschesten, was diese tun können. In Zeiten wie diesen ist das Niveau der Werbung immer totalitär-miserabel. Dafür steht das leere Gesicht Dieter Bohlens, »Mehr ist mehr« und die Dummheit und Brutalität in der Verwendung von Bild und Schrift. Ein gutes Buch von Johano Strasser (»Leben oder Überleben«, Büchergilde Gutenberg) hat den Untertitel: »Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes.« Dieses wäre zu berücksichtigen.

Wie erkennen Sie Talente?
In unserm Fach sieht man’s. Zusätzlich riecht man’s. Es kommt auch drauf an, wie sich jemand verhält. Ob er ein Buch verkehrt rum hält. Querdenken ist das A und O. Wer Angst hat vor Flecken, weil sie noch nass sind und vor Gedanken, die sich nicht nach dem ersten Anrüffeln gleich verkaufstechnisch einordnen lassen, sollte besser Polizist werden, Bademeister, Metzger, Versicherungsvertreter. Bei manchen merkt man später schnell, »das wird mal eine gute Werbefrau«. Bei anderen denkt man sich, »die hat eigentlich nur die Chance, auf einer Kunsthochschule weiterzustudieren«, weil in dieser Richtung eigentlich sehr viel vorhanden ist und sich’s lohnen würde, auch für’s Leben. Fragen über »Verdienstmöglichkeiten« kann ich nicht beantworten. Es gibt Leute, die nennen sich Profis, und halten es für unverantwortlich, wenn von 100% Kunsthochschulabgängern ca. 5% davon leben können, von ihrer Kunst. Deshalb wollen sie junge Studierende von Anfang an zum funktionierenden Ameisenvolk rekrutieren, diesen vorauseilenden Gehorsam nennen sie dann »Praxisnähe«. Dort geht’s dann zu wie in den Filmen von Jaques Tati, in seinen Großraumbüros. Ich frage mich nur, woher nehmen die alten Profis diese grandiose Weitsicht, in einer Zeit, in der ganze Universen in fünf kurzen Minuten zusammenkrachen können? Die new economy brach runter, von den twin towers blieb nichts als Schutt, ein Erdbeben am Meer - unendlich viele Menschen einfach weg, Schluss mit lustig. Ein neues Gerät wird erfunden und tausende werden ohne Arbeit sein. Eins ist sicher: nichts ist sicher. Zurück zu uns: Ich glaube nur, dass, wenn jemand »gut« ist - und das kriegt man im Studium schon raus, keine Angst - er/sie immer Geld verdienen kann und wird. Da man den Job auch von Zuhause aus ausüben kann, (allen-Maschinen-sei-Dank), ist es auch was für z.B. Frauen mit Kind. Das meine ich ernst. Weniger Schiss bei durchaus vorhandenem Talent wäre schon mal was.

Wie fördern Sie diese?
Bei jedem anders, bilde ich mir zumindest ein. Das wäre mein Anspruch, weil jedes Talent ja anders ist. Möglichst jedem/jeder individuell Sachen zeigen, von denen ich erstaunt bin, dass gewisses Wissen darüber noch nicht vorhanden ist... Nichtsdestotrotz glaube ich natürlich, dass gewisse Erkenntnisse für jeden von Belang sind. Da greife ich auf meine eigene Erfahrung zurück. Das Problem ist nur, man kann durch Reden nichts bewirken. Wenn wir wissen wollen, was z.B. »Schmerz« bedeutet, redet man am besten mit Leuten drüber, die schon mal »einen« hatten. Ohne Eigenbeteiligung bleibt es im gestalterischen Fach bei bloßen Kanzelreden und Absichtserklärungen. Eitelkeiten müssen zerrüttet werden. Hand in Hand mit konstruktiver Kritik, die Leute machen lassen, Strich für Strich, Zeile für Zeile und beobachten, was sich da tut und dann was sagen, am besten das richtige und hoffen, es wird kapiert... manchmal fällt der Groschen erst außer Reichweite.

Was sagen Sie zur Bildungsmisere in Deutschland?
Der Misere wird durch Sparen abgeholfen? Bildung ist Investition in die Zukunft, die einzige, die wirklich eine ist. Gebildete Menschen sind kreativer (nicht »pragmatischer«), sind toleranter (nicht »liberaler«), sind wendiger (nicht »flexibler«). Wir vergiften uns langsam politisch, indem wir die Errungenschaften der Demokratie, dass jeder sich jederzeit bilden können muss, immer und überall, durch »Sparen« abschaffen. Zur Erkenntnis, dass der Mensch wenig bis nichts aus seiner Geschichte lernt (man sieht es an den Bildern folternder US-Soldaten: »die humanitäre Grundausstattung ist immer noch nicht gelernt«), kommt die Tatsache, dass es immer schwerer wird, wenigstens das bisher erreichte Level aufrechtzuerhalten. Dazu kommen noch Wahlergebnisse aus dem »Osten«, wo man so tut, als ginge es bei Neonazis bloß um eine politische Meinungsäußerung. Mir wird es da sehr anders. Das ist mehr als eine Misere, das ist kein Schnupfen mehr. Ich habe Angst davor, daß der Anteil der Blöden demokratiegefährdend zunimmt. Nur der Vorteil der Globalisierung dürfte dann der sein, daß Auswandern keinen Sinn mehr hat... wir können nichts anderes tun als hierbleiben und es möglichst gut machen wollen.

Was unterscheidet unsere Fachhochschule von anderen Fachhochschulen, Universitäten und Akademien?
Fachhochschulen sind keine Unis (mal schauen, wie lange die Unis noch Unis bleiben...). Sie geben ihr Hirn an der Garderobe ab: Wenn sie aber glauben, auf geisteswissenschaftliche Zusammenhänge gänzlich verzichten zu können, sägen sie an ihrer Substanz. Siehe auch das Grußwort unseres Wirtschaftsministers Wiesheu im Band »Designsignale aus Bayern - Bayern Design« (hrg. von bayern design ‘04) - die Fachhochschule München existiert als Ausbildungsstätte für Design dort übrigens mit keinem einzigen Buchstaben - usw. Wenn wir als Kommunikationsdesigner unseren Lebensunterhalt verdienen und unsere Ansprüche erfüllen wollen, hat auch das Hirn einen Magen, der gefüllt sein muss und will.

Was ist Ihre Meinung zu der aktuellen Designkultur in München?
1. Die Stadt ist voll von Leuten, die interessante und anständige Arbeit machen.
2. Die Stadt ist voll von Leuten, die reden und sich gerne reden hören.
3. Die Stadt ist ebenso voll von Nestbeschmutzern, die böse sind, weil: sie keiner nach ihrer Meinung fragt, sie nichts anderes anbieten können als eine Meinung, sie ihre Funktion als Designer überschätzen, sie ihre Funktion als Designer unterschätzen, sie alles mit allem
verwechseln, sie über unsere »mittelmäßigen Akademien« lästern, obwohl sie nie eine von innen sehen durften. Typen, die Kunst nicht von Kunstrasen unterscheiden können und glauben, daß Hundertwasser der Erfinder des Kunstdruckkalenders ist.
4. Wir haben immer noch kein Museum für aktuelle Zeichenkunst. Die Bodenfläche des Raums der Staatl. Graphischen Sammlung in der PdM dagegen entspricht ungefähr der des »Deko-Regals« im Eingangsbereich zu Herrn Hufnagl’s Wohnzimmer.
5. Wir haben immer noch kein Museum für aktuelle bildende Kunst. Es wird ja alles bei der Platzknappheit gleich wieder rausgeräumt.
6. Wir haben immer noch kein Museum für zeitgenössische Architektur. Es wird ja alles bei der Platzknappheit gleich wieder rausgeräumt.
7. Wir haben immer noch kein Museum für aktuelle intermediale Kunst, Videoinstallationen, Clips, Filme, Interaktive Kunst, Computerkunst. Es wird ja alles bei der Platzknappheit gleich wieder rausgeräumt. Also:
8. Wir haben immer noch keine Neue Pinakothek der Moderne - für Kunst, die jetzt gemacht wird. Wir haben nur nachgeholt und ausgepackt, was in Zwischenlagern verräumt war. In der PdM schlafen nun unsere Vorfahren Beckmann, Jorn, Rams, Colani. Und das halt nicht mal gleichzeitig, sondern nacheinander. Den Leuten wird es als sonntägliches Familienerlebnis verkauft, die Nähe von allem zu allem. Die Notlage wird auf einmal bedeutsam: Wir vertragen uns ja alle. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Kinderwagen und einem Donald Judd. oder? Die Zeitgenossen, die ja mit jedem Tag zunehmen, bleiben jahrelang obdachlos. Es gibt zwei Räumchen für Videos, keine aktuelle Bibliothek mit Ausleihtheke und Präsentationssaal. Weltausstellungen wie z.B. die documentas und die Biennalen zu Venedig sollten virtuell in jedem Museum für jeden erlebbar sein, katalogisiert, kompetent begleitet, virtuell abrufbar. Wo leben wir eigentlich? (In München).
Die private Sammlung aktueller Kunst von Ingvild Goetz ist - vermute ich - bedeutender als das, was öffentlich angekauft im Staatslager schlummert, was Videokunst angeht, sowieso.
9. Wir haben immer noch keinen Ort, wo Kunst und gesellschaftliche Gruppen interkulturell zusammenkommen können. Jugendgruppen, Alte, Ausländer, Benachteiligte. Einzelne Künstler, Designer thematisieren dies längst, in unserer Metropole wird immer noch am Gamsbart sortiert. Seit vierzig Jahren der erste Münchner Künstler im Haus der Kunst, und was kriegen wir zu sehen? Bierfuizl in Öl. Der arme Kerl, merkte der eigentlich, dass er instrumentalisiert wurde? Nur, um im Führerbau mal den Punk zu mimen?
10. Ich mag ja gutes Design, bitteschön. Aber kann man bitte dafür auch einen Raum schaffen, der dem Design entspricht, müssen wir das wirklich den Endkundenabholungsortdekorateuren in Ingolstadt und sonstwo überlassen? Sind wir unfähig, in München ein Design-Erlebnismuseum zu schaffen, das seinem Anspruch gerecht wird, den Menschen, trotz allem Konsum, auch die Freude am Produkt, am Erfindungsreichtum zur richtigen Form in angemessener Präsentation zu kredenzen? Hat das Design wirklich die Nähe zur Bildenden Kunst nötig? Sind das nicht gar die falschen Fragen? Wieso bauen wir nicht dem drögen Deutschen Museum, der Folteranstalt der Kinderwochenenden ein niveauvolles Designmuseum dran, das jedem gestalteten Gegenstand, der dort seiner Auferstehung harret, im Nebenbei die Erlösung verspricht. Industriedesign und Technik zu trennen, ist das richtig? Wieso fällt eigentlich der gesamte Bereich des Kommunikationsdesigns, also der Herstellung des wichtigsten Teils des Designs, weil dieses eben auch das 3d-Design verkaufen hilft, in der Präsentation in der PdM völlig flach? Nirgendwo ist die Flachware präsent, das, womit wir täglich umgehen... Werbung, Plakate, Illustrationen, Fotografie ab und zu ins etwas angestaubte Stadtmuseum stecken, ist das nicht überholt?
11. Wir haben immer noch keine Schule in München, die einen Klang hat wie das ZKM oder die Kunsthochschule für Medien in Köln, etwas integrierendes, etwas verbindendes, etwas, wovon alle was haben. Ein Skandal, dass das keine bayerische Chefsache ist, wo doch in diesen Etagen immer nur von Profit geredet wird. Und hier könnten wirklich alle »profitieren«, und dann wird nichts unternommen. Es wäre doch so einfach, so leicht, weil alles schon da ist, weil wir doch alle Schulen schon längst in der Stadt haben. Ich verstehe so vieles nicht in dieser Weltstadt mit Schmerz.


Informationen zu Thomas A. Günther

Kontakt
tag@tagflimmern.de
www.tagflimmern.de *

Qualifikationen
1983-1987 Studium des Kommunikations-Designs an der Fachhochschule München bei Prof. Heiner H. Hoier, Diplom.
1987-1990 Studium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof.
Daniel Spoerri (CH).
Seminare bei Raimund Kummer, Wolfgang Robbe, Gerhard Merz, Ludger Gerdes, Marie-Jo Lafontaine.
‘96 Projektstipendium der Gisela-und-Erwin-von-Steiner-Stiftung.
Fortsetzung des Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Nan Hoover (USA) und Nam June Paik (USA).

Ausstellungen (Auswahl)
'88, Art Cologne Köln
'88, European Media Festival Osnabrück (k)
'88, Castello Aldobrandesco, Arcidosso (I) (k)
'89, European Media Festival Osnabrück (k)
'89, Museo Civico, Ghibellina Sizilien (I)
'91, Künstlerwerkstatt, Lothringer Straße München
'91, Van Gogh TV, Ars Electronica Linz (A)
'94, Kunstakademie Düsseldorf
'94, Prowinzhalle Hechendorf
'95, Ostufergalerie, Berg
'95, Kunstpreis der Stadt Starnberg
'95, Galerie Josephski-Neukum, Issing (k)
'96 »Nationale der Zeichnung«, Augsburg (k)
'97  Bayerische Staatskanzlei München (k)
'97 Prowinzhalle Hechendorf
'97, Cartel de l'Hippodrome, Toulouse (F)
'98, Ostufergalerie, Berg
'99, Haus 10, Kloster Fürstenfeld
'00, Lothringer Straße München
'00, Enac, Toulouse (F)
'00, Galerie Josephski-Neukum, Issing
'02, Kunstverein Gauting/'03, Kunstraum Marie-Luise Lejeune, Seeshaupt/
'05, Galerie im Bezirk Oberbayern, München (k).

Persönliche Interessen
Kunst, Bücher, Musik, Film. Fast alles außer Börsennachrichten, Fußballergebnissen, Sexkolumnen etc., der „Pornographie des Gemüts“ (Heiner H. Hoier).
Am liebsten hätte ich immer gerne sehr sehr sehr viel Zeit, um nichts zu tun.

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